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1913
wurde in Chemnitz, Zschopauer Straße, eine kleine Evangelische
Buchhandlung von Richard Bach gegründet. Der Inhaber
fiel 1914 im 1. Weltkrieg. Seine Witwe führte während der harten
Kriegsjahre die Buchhandlung allein weiter.
1920 heiratete Max Müller die verwitwete Magdalena
Bach und übernahm den Aufbau der Buchhandlung.
1921 wurde der Verlag Max Müller gegründet. Unter vielen
anderen Titeln erschien eine fünfbändige Ausgabe mit Illustrationen
von Ludwig Richter.
Die größte Breitenwirkung aber erzielte der Verlag mit
den erfolgreichen Kinderbüchern "Die Reise der Schneeflöckchen",
"Vom Kasperle und schwarzen Kater", "Eine lustige Hasengeschichte",
"Was drei Bärchen erlebten", "Das Kunterbunte Bärlein-Buch",
"Meine fünf Bärlein" (2006 wiederaufgelegt im HörBild-Verlag),
"Kinderliedchen", "Butzimann, was tust du da?" und
"Zwölf Englein hatten viel zu tun"
(1999 wiederaufgelegt im Bechtermünz Verlag).
1931 wurde in Aue eine Filiale ausgebaut. Nach dem Krieg
wurde sie im Zentrum des erzgebirgischen Bergbaus zu einem wichtigen
kirchlichen und kulturpolitischen Ausstrahlungspunkt.
1936 erfolgte durch die Gestapo die erste Lagerdurchsuchung
mit der Beschlagnahme zahlreicher Bücher und Broschüren.
Bereits 1934 begann der Kirchenkampf
in Sachsen. Der von den "Deutschen Christen" gewaltsam eingesetzte
Landesbischof Coch versuchte, ein eigenes Gemeindeblatt mit
nationalsozialistischem Gedankengut durchzusetzen. Doch die
meisten Gemeinden erteilten ihm eine Abfuhr und bestellten "Die
Heimatkirche", in der durch Max Müller das Anliegen der
Bekennenden Kirche mutig vertreten wurde. Diese Auflage
stieg auf ca. 400.000 Exemplare.
Diese Verlagsarbeit konnte nur unter großen Belastungen durch
staatliche Zwangsauflagen und Berufsgerichtsverfahren bis zum
endgültigen
Verbot der kirchlichen Presse 1941 durchgestanden
werden. In Anerkennung dieser Pressearbeit wurde dem Verlag
nach dem Kriege die verlegerische Betreuung des Gemeindeblattes
der Sächsischen Landeskirche
"DER SONNTAG" übertragen.
Außergewöhnlich und für die DDR einmalig war der Bücherprospekt
"DAS BUCH GEHÖRT DAZU", den die Buchhandlung jährlich
am Jahresende nach der Leipziger Herbstmesse an ca. 20.000 Bücherfreunde
in der ganzen Republik versandte.
Dem ehemaligen Buchverlag wurde keine Lizenz wieder erteilt.
Durch intensive Bemühungen erhielt 1948 der weiterhin angegliederte
Verlag Max Müller wenigstens ein staatliches Papierkontingent
für Kunst- und Spruchkarten, Kunstblätter und anderen Gemeindebedarf.
Im Verlauf von vier Jahrzehnten wurden mehr als 4.000 Motive
entwickelt.
Ab 1956 wurde der Aufbau eines wissenschaftlich-bibliophilen
Antiquariats forciert. Bis 1993 erschienen 243 Antiquariats-Kataloge.
1967 wurde im Zuge des Neuaufbaus des Stadtzentrums von
Karl-Marx-Stadt die Buchhandlung von der Juri-Gagarin-Straße
(ehemals und jetzt wieder Zschopauer Straße) in die Reitbahnstraße
verlagert.
In den Jahren des SED-Regimes war die Buchhandlung ein Hort
christlicher und humanistischer Substanz und verweigerte sich
den stalinistischen Propagandabefehlen. So blieben ihr Bedrohung
und Schikane, wie Geschäftsdurchsuchung und -schließung,
jahrelange Zwangsverpachtung und die Verhaftung des Inhabers
nicht erspart.
1974 wurde daher aus politischen Sicherheitsgründen
die OHG durch Aufnahme des Evang.-Luth. Kirchgemeindeverbandes
in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt.
Seitdem leitete der Sohn Gottfried Müller das Unternehmen.
Nach der Wende erfolgte, aufgrund des sich rasant vergrößernden
Buchangebotes 1994 eine Sortimentserweiterung u.a. mit
CD's klassischer Musik in einem zweiten Ladengeschäft auf
der Reitbahnstraße 19 - 21, jetzt dort unter einem Dach
mit Christlichem Sortiment und Antiquariat.
Nach der Neueröffnung am 06.01.2012 wird die "EVABU
- Die neue Evangelische Buchhandlung Max Müller" als
Chemnitzer Lesewelt unter Inhaber Robert Aßmann aufs
Neue zahlreiche Bücherwünsche erfüllen.
Als Ergänzung zum Buchsortiment werden in der Buchhandlung
nun auch Gemeindebedarf, Naturwaren und ein Kartenvorverkauf
für Konzerte in Chemnitzer Kirchen angeboten.
In den letzten 30 Jahren wurden etwa 50 Lehrlinge und 15 Mitarbeiter
zu Buchhändlern ausgebildet.
Für den engagierten und aufopferungsvollen Dienst der Mitarbeiter,
getreu dem Motto "Buchversand aus einer Hand ins weite Land!"
gebührt ihnen hohe Anerkennung, Gott befohlen!
Rückblickend bleibt ein Gefühl großer Dankbarkeit und Zuversicht,
die sich vor allem auf die hervorragende Zusammenarbeit mit
den Kirchgemeinden, der Stadt Chemnitz, der TU-Chemnitz,
den Städtischen
Theatern, der Volkshochschule,
der Stadtbibliothek
und unseren treuen Kunden gründet.
Biographie
unserer Buchhandlung 1913 - 1948
Eine Mitarbeiterin erzählt aus über 35
Jahren Firmengeschichte
1924 25
27 29
1931 32
34 36
38 39
1941 43
45 46
1948
Am 1. Oktober
1913 eröffnete Richard Bach in Chemnitz eine Evangelische
Buchhandlung, im Hause Zschopauer Straße 4. Es war ein hoher
aber kleiner einfenstriger Laden. Im ersten Weltkrieg ist Richard
Bach gefallen, und seine Frau Magdalena, geb. Martin führte
die Arbeit allein weiter.
Am 8. August 1920 übernahm Max Müller das Geschäft
durch Heirat. Bald hatte er zwei Angestellte: Fräulein Magda
Böhm, die Buchhändlerin war, und s'Bernhärdtle, einen
Lehrling. Beim Oster- und Weihnachtsgeschäft halfen Herrn Müllers
Schwester, Frau Leuschring, und manchmal auch Frau Müller.
Max Müller begann neben dem Sortiment mit der Verlagsarbeit
- der Bericht von der Buchhandlung muß notwendigerweise auch
vom Verlag sprechen - und brachte im Oktober 1921 das Heft
"Vom tiefsten Erleben", eine Krankentrostschrift
von Elisabeth Schaefer, in einer Auflage von 2.400 Exemplaren als
sein erstes Verlagswerk heraus .
1922 folgten die "Lichtstrahlen aus einem Krankenleben"
und vom ersten Heft die 2. Auflage mit 5.000 Stück.
1924 waren es dann schon 14 Titel!
Genannt seien nur der "Sternenpate" von Karl Josef
Friedrich, das "Schneeflöckchen-Bilderbuch"
und die Scherenschnitt-Transparente sowie -Mappen von Wagner-Poltrock.
Im April erschien die erste Nummer des "Luther-Boten",
das monatliche Gemeindeblatt der Chemnitzer Luther-Gemeinde in einer
Auflage von 2.900 Exemplaren. Im Juli kamen Andreas, Jakobi, Lukas,
im September Johannis, Markus und Pauli dazu.
Von Pfarrer Friedrich sollte die "Sternenfreude"
erscheinen. Der Schnelligkeit wegen wollte er das Manuskript in
die Maschine diktieren. Dafür suchte Max Müller im Oktober
1924 eine Stenotypistin. Er fragte im Mädchen-Bibel-Kreis -
und hier fängt meine Geschichte mit der Evabu (so hieß
sie damals zwar noch nicht) an.
In der Nikolaikirche hatte der CVJM eine Volksmission mit Pfarrer
Stierle aus Freiburg veranstaltet. Nach einem jener Abende wartete
Max Müller unter der linken Laterne vor der Kirche. Damals
war ich Stenotypistin in der Pöge-AG und naiv genug, dort zu
fragen, ob ich Urlaub bekäme, weil ich ein Manuskript schreiben
wolle. Natürlich bekam ich keinen. Es wurde dann so gemacht,
dass s`Bernhärdtle nach Grünhain ging und ich abends zum
Helfen kam, weil ich 5 Uhr Schluß hatte. Es gab in der tat
viel zu tun; und es tauchte die Frage auf, ob ich wohl ganz in die
Buchhandlung käme. Max Müller konnte sich nicht entschließen.
Der Entschluß war soo schwer. Die Kündigung bei Pöge
musste am 1. Dezember erfolgen, damals ein Samstag. Ich fragte am
Freitag nach der Kindergottesdienstvorbeitung; nach der Vorbereitung
kam ich noch mal wieder und musste Samstag früh noch anrufen.
Da sagte er dann zu. Als ich später mal ihn daran erinnerte,
wie lange er es sich überlegt habe, sagte er schlagfertig:
"und immer noch nicht lange genug!"
Vom 1. Januar 1925 an war ich
ganz in der Buchhandlung tätig. Fräulein Böhm ging
bald ab und wurde die Frau des Buchhändlers Delor in Freiberg.
Es kam Fräulein Hildegard Tretner, die einige Jahre später
Frau Oertel wurde.
Am 23. September erfolgte die handelsgerichtliche Eintragung des
Verlags. Es erschienen 13 Titel, u.a. jene "Sternenfreude"
und die "Lichtstrahlen" in der 2. Auflage.
Zum Gemeindeblatt kam die Michaelis-Gemeinde.
Als Büroraum war das erste Zimmer der Wohnung im 1. Stock eingerichtet.
Dort war die Buchführung, die Korrespondenz und auch ein Teil
des Lagers. Der Laden war eben doch sehr klein, besonders auch der
Raum für die Kunden. In der Adventszeit ging manchmal die Ladentüre
nicht zu, wenn "es strömte".
Da kam im September 1926 der Umbau. Die Wand zwischen Laden
und Ladenstube wurde herausgenommen. Die Ladenstube bestand dann
nur noch aus einem Schreibtisch. Gleichzeitig wurde der Laden vorgerichtet
(bei so großer Engigkeit!). Die Wände wurden rot, die
Möbel blau gestrichen; und viele Bücher hatten Spuren.
Die Bücher, von denen wir meinten, dass sie nicht gebraucht
würden, hatten wir in einer Kiste unter das Ladenstubenfenster
auf den Hof gestellt, u.a. auch die Kochbücher. Just in jenen
Tagen heiratete Pfarrer Haag, und wünschte eine Auswahl an
Kochbüchern.
Ebenfalls im Herbst 1926 wurde nach
langen Verhandlungen mit den Chemnitzer Kirchgemeinden die Übernahme
der Kolportage beschlossen, die im 3. Stock des Hauses Äuß.
Johannisstraße 7 von Fräulein Rosa Fritzsche geleitet
wurde. Die Kirchgemeinden verpflichteten sich, bei uns zu kaufen
und wir übernahmen Fräulein Fritzsche (sie war damals
58 Jahre alt, Herr Müller war 35, ich 23) als Angestellte und
der Verpflichtung der Kirche, ihr nach Erreichung der Altersgrenze
eine monatliche Rente von 50 Mark zu zahlen. Mit Ende des Jahres
1935 ging sie dann in den verdienten Ruhestand.
Am 27. Dezember 1926 wurde das Sortiment ins Handelsregister eingetragen
mit dem Zusatz "Buchstelle für die Chemnitzer Kirchgemeinden".
Im Verlag erschienen 15 Titel, u.a. 5.000 "Sternenpate" und
das Heft von Elisabeth Schaefer "Vom Gesundwerden im Kranksein"
in der 4. Auflage.
Das Ereignis von 1927 war die erste Registrierkasse, die
Krupp am 7. Juli lieferte. 1935 ist sie dann nach Aue gekommen.
Im Verlag erschienen 15 Titel, zum ersten Mal Postkarten (für
Schulanfang und Muttertag), sowie das Transparent in kleiner Ausgabe.
Dem Gemeindeblatt schlossen sich im Februar die Petri-, im April
die Thomas- und im Oktober die Kreuz-Gemeinde an.
Die Familie Müller ist nach Oberhermsdorf gezogen; das zweite
Zimmer wird Büro mit fünf Arbeitsplätzen.
Im Mai 1928 kam das gesamte Lager der Firma Schneider &
Klein zu uns und auch deren Angestellter, Rudolf Löser, der
Buchhändler war.
Das erste Auto wurde angeschafft. Die Garage war im Hof von Zschopauer
Straße 20. Im Erdgeschoß des Hinterhauses hatten wir
ein kleines Eckzimmer fürs Antiquariat, später alle Erdgeschoßzimmer,
in die der Verlag zog. Wir nannten es Landheim! Weil das Warten
an der Vorsaaltüre nach dem Klingeln zu lange dauerte, hatte
sich der Weg durch das Fenster eingeführt. Im Winter platzte
ein Wasserrohr und verdarb einen großen Teil des Bilderbuchlagers.
Im Juli 1929 wurden die Räume wieder aufgegeben.
Am 1. Advent erscheint die "Sonntagsfreude", ein
vierseitiges Predigtblatt, im Auftrag der Niedererzgebirgischen
Konferenz (NEK).
Im Verlag erschienen 9 Titel, u.a. je 15.000 Bilderbücher "Schneeflöckchen"
und "Zwerglein", 5.000 "Sternenpate"
und 8.000 "Lesebücher".
Im September 1929 veranstalteten
wir zur Jahreshauptversammlung der Kindergottesdiensthelferkreise
(ich war seit meiner Konfirmation im Jahre 1918 Helferin im Kindergottesdienst)
in Annaberg eine Ausstellung im großen Stil. Wir gaben eine
Broschüre heraus, "Der kleine Helfer", die an alle
Teilnehmer kostenlos verteilt wurde, und stellten alle darin genannten
Titel aus. Es war eine riesige Arbeit, soviel Lager hinaufzuschaffen,
aber auch eine Lust! Wir hatten sehr viel Platz, sogar für
die großen biblischen AnschauungsBilder. Unvergessen ist das
Kaffeetrinken Samstagnachmittag nach getaner Arbeit, mit dem herrlichen
Pflaumenkuchen! Von da an waren wir auf dem Gebiet der Literatur
für Kindergottesdienste und deren Helferkreise in Sachsen führend.
Im Verlag erschienen 12 Titel, u.a. 12.000 "Bärchen"
und die 10.000 "Hasen". Herr Wilfried Bökenkamp
nahm unseren Verlag zum ersten mal mit auf die Reise und blieb dann
viele Jahre unser Vertreter.
Das Jahr 1930 verlief im Gleichmaß der Tage mit Ausnahme
des 8. August, an dem wir das 10-jährige Chef-Jubiläum
von Herrn Müller feierten. Die Mitarbeiter schenkten ihm ein
Buch besonderer Art, ganz
Original und aufgeschlagen! Die Konditorei Freund hatte es nach
unseren Angaben gebacken. Die Widmung war in Schokolade geschrieben
und es hatte auch ein Lesezeichen mit einem Siegel, das mit dem
Monogramm MM geschmückt war.
Von November an kursierte der "Theologische Lesezirkel"
nach einer besonderen Selbstweitergabemethode unter den Pfarrern.
Wir hatten nur zu Beginn des Umlaufs alle Mappen auszutragen und
am Ende wieder abzuholen. Die Bücher wurden von der Pfarrkonferenz
gekauft und jährlich innerhalb dieser antiquarisch versteigert.
Im Verlag erschienen 6 Titel, u.a. 10.000 Adventskalender und das
große "Bärenbuch" in l0.000 Exemplaren.
Zum Gemeindeblatt waren wieder einige Gemeinden gekommen, im Oktober
als letzte der 16 Chemnitzer Stadtgemeinden die Stiftskirche in
Ebersdorf.
Mit dem 1. Juli 1931 übernahmen
wir die Ephorale Schriftenmission in Aue. Der Schriftenmissionar,
Herr Schwarzer, ging nach kurzer Zeit ab. Er war weder Buchhändler
noch Kaufmann (z.B. waren ihm 33 1/3 %
Rabatt lieber als 35, weil das leichter zu rechnen wäre). Aber
Frau Frank blieb und hat oft auf sehr einsamem Posten gestanden.
Bei meinem Weggang 1963 war sie auch noch da, wie es nun ist, weiß
ich gar nicht.
Die Arbeit für die Kindergottesdienste nahm sehr zu. Von den
weihnachtlichen Verteilsachen sandten wir an etwa, hundert Gemeinden
eine umfangreiche, gut sortierte Mustersendung, was von den Geistlichen
sehr begrüßt wurde. Viele behielten sie - für kleine
Gemeinden reichten sie aus. Die anderen bestellten danach. In diesem
Jahr waren es
89 Bestellungen mit über 600 Kinderkalendern, über 10.000
Heften, über 16.000 Krippen, Transparenten und Ähnlichem,
sowie über 6.000 Bilderbogen, Kontrollkarten u.a. im Werte
von 4438 Mark, woraus die
sehr niedrigen Heftpreise zu erkennen sind. Dabei ist zu bedenken,
daß sich diese Arbeit neben der anderen und der Ladenbedienung
auf etwa sechs Wochen vor Weihnachten erstreckte. Daß das
im Achtstundentag nicht zu schaffen war, liegt auf der Hand. Oft
hatten wir noch Eile, die letzte Straßenbahn 1.30 Uhr an der
Ecke Post-/ Kronenstraße zu bekommen, und Herr Müller
fuhr mit einem Auto zur Schillerpost.
In irgend einem Tischlied zum geselligen Beisammensein kam dann
folgender Text vor: "In den blauen Zeppelin gehen viel Pakete
rin., auch des nachts um zweie" (der blaue Zeppelin war
das zweite Auto).
Im Verlag sind 4 Titel erschienen, u.a. zum ersten mal "Stundenpläne".
Buchbinder Harnisch von der Hedwigstraße ist gestorben. Das
gesamte Rohbogenlager kommt in das Lagerhaus von Heyn's Nachf.,
Zschopauer Straße 6.
Im September 1931 wurde die Wohnung Beier im 3. Stock frei. Die
Familie Müller kommt aus Oberhermersdorf zurück, inzwischen
von vier auf sieben Köpfe angewachsen.
Von den Jahren 1932 und 1933
ist im Sortiment nichts besonderes zu berichten. Darum soll einmal
Alltägliches erzählt werden. Wir hatten Geschäftszeit
von früh 8 bis abends 7 Uhr, auch Samstag.
Die Mittagspause war für die eine Gruppe von 11 bis 1, für
die andere von 1 bis 3 Uhr. Später wurde dann ein freier Nachmittag
in der Woche nach bestimmtem Plan eingeführt.
Wir waren immer bewußt evangelische Buchhandlung und hatten
ein gut sortiertes Lager entsprechend den Satzungen der Vereinigten
Evangelischen Buchhändler haben wir uns immer besonders für
die Verbreitung der Bibel und des christlichen Schrifttums eingesetzt.
Widersprechende Literatur haben wir nicht geführt, so z.B.
den Wachtturm-Verlag, den Advent-Verlag, Lorber-Verlag u.a. auch
schöngeistigen Schrifttum führten wir nur das Gute.
Nach meiner Erinnerung war es in jenen Jahren, als das gesamte Lager
um 10% herabgesetzt verkauft werden mußte. Um die Neueingänge
zu unterscheiden, führten wir die Kontrollzahl unter dem Preis
ein, die sich sehr bewährt hat, auch später z.B. zum Auffinden
der Verlagsrechnung für das betreffende Buch.
Unsere besondere Liebe hatten noch die Abreißkalender, die
wir auch nach Kartei in jedem Jahr an einen großen Bezieherkreis
lieferten, und die Kleinkunst von Dinglingen. An jedem 2. Januar
früh um 8 Uhr kam Herr Guthmann, der ständige Vertreter,
mit der Osterkollektion und im Sommer mit den Weihnachtsneuerscheinungen,
das Auszeichnen allein war manchmal nur in den Abendstunden zu bewältigen.
Im Verlag erschienen zusammen 5 Titel,
u.a. "Ludwig Richters Humor". Das Jahr 1934 war
das zweite Jahr der Hitlerregierung - wir haben nicht einen "Stürmer"
(Blatt der SS) verkauft. Der Kirchenkampf hatte begonnen. Die Deutschen
Christen (DC) zerstörten die Gemeinden. In Sachsen hatten
wir ein DC-Kirchenregiment. Die Bekennende Kirche (BK) leistete
Widerstand. Das Gemeindeblatt bestand im April 10 Jahre zur Freude
aller Beteiligten. Vom Stadtsuperintendent erhielten wir einen Anerkennungsbrief.
Im Juli erschien eine Verordnung der Landeskirche, mit der Landesbischof
Coch alle Schriftleiterrechte aller Gemeinden auf sich vereinigte.
Es gab nur noch ein Dresdner Blatt. Herr Müller war der einzige
Mann in Sachsen mit einem privaten Verlegerrecht. Er stellte sein
Blatt der "Bekennenden Kirche" zur Verfügung. Ab
Dezember erscheint es als "Christus-Bote" (wir durften
nur die schon vorhandenen Titel der Chemnitzer Gemeinden verwenden
für die vielen Gemeinden im Lande) und geht ins Sortiment über.
Im Verlag erschien der Roman "Das Pfarrhaus zu Howe" von
Pfarrer Friedrich.
Irgendwann war der erste Autounfall, der noch gut abging und nur
250 Mark Reparaturkosten verursachte.
Herr Müller war vom 1. bis 7. November im Sanatorium Zimmermann.
Deshalb fuhr ich am 4. November in die Reichsschrifttumskammer wegen
des Gemeindeblattes.
Fürs Sortiment kam 1935 das größte Ereignis:
Der Umzug! In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag nach Totensonntag
(27./28.11.) zogen wir nach Zschopauer Straße 1. Bis 19 Uhr
verkauften wir im alten Laden; dann räumten die einen aus,
die anderen drüben ein, Männer trugen die Körbe,
die dritten mußten die vier großen Schaufenster auf
einmal dekorieren. Bis gegen 5 Uhr hatten wir´s geschafft.
Eine Kundin hatte einen Stollen geschickt, den wir um Mitternacht
gemeinsam aßen. Ein anderer Kunde sandte uns ein selbstverfasstes
Gedicht mit dem Anfang:
"Ihr seid umgezogen,
was hat euch bewogen
von der 4 zur 1?
Lärm ist dort derselbe
Und der flugsandgelbe
Staub des Erdenseins."
Um 5 haben wir dann noch die Girlande über der Türe aufgemacht,
gingen nach hause zum Kaffetrinken und waren um 8 Uhr alle wieder
da wie an jedem Morgen.
Von nun an hatten wir monatlich 380 Mark Miete zu zahlen statt bisher
250. Auch alle Nebenkosten würden sich erhöhen. Werden
wir das im Umsatz schaffen? Es war ein Wagnis. Rückschauend
müssen wir bekennen: Es war eine sehr gnädige Führung.
Was dann im Gemeindeblatt auf uns zukam, wäre in den alten
Räumen niemals zu bewältigen gewesen.
"Aus der Enge in die Weite,
aus der Tiefe in die Höh
führt der Heiland seine Leute,
dass die SEINE Wunder sehn."
Wir bekamen auch eine neue Registrierkasse, die in 26 monatlichen
Wechseln à 30.30 Mark zu bezahlen war.
Der Kampf ums Gemeindeblatt begann. Einige Chemnitzer Kirchgemeinden,
in denen DC-Pfarrer waren, bestellten sie ab; viele Notbundpfarrer
aus dem Lande bestellten neu. Die Auflage von bisher 40.000 Exemplaren
stieg auf 65.000 und blieb so bis Ende 1937. Von der Reichsschrifttumskammer
wurden wir reichlich schikaniert: Es wurde der Eindruck der Ortsnachrichten
verboten. Es mussten dafür besondere Zettel gedruckt werden.
Diese durften aber nicht eingelegt werden. Das wurde "Umfangerweiterung"
genannt! Beim Austragen mussten sie drauf oder drunter liegen. Diese
Instruktionen mussten wir immer an alle Bezieher weitergeben. Auch
durften diese Zettel kein persönliches Wort des Pfarrers enthalten;
wir halfen uns mit Bibelsprüchen und schönen Bildern.
Die sogenannten "vertraulichen Mitteilungen" waren wie
ein Schwert über uns; sie sollten durchgeführt werden,
aber es durfte nicht davon gesprochen werden! So durfte z.B. die
Vokabel "Kirchenwahl" nirgends mehr stehen, wir mussten
sie überall herausstreichen, weil die Bekennende Kirche großen
Widerstand leistete. Die Wahl ist ja dann auch ausgefallen.
Im Verlag erschienen 3 Titel. Aus Friedrichs "Geschichten
um Gott" wurde die Geschichte "Geheimrat Klasing"
(aus antisemitischen Gründen beanstandet). Die fertigen Exemplare
wurden "sichergestellt". In der noch nicht gebundenen
Ausgabe musste der betreffende Bogen einschließlich Inhaltsverzeichnis
ausgewechselt werden, und Pfarrer Friedrich musste eine neue Geschichte
schreiben.
Am 3. November 1936 erfolgte
eine Lagerdurchsuchung durch zwei Leute von der Gestapo; sie beschlagnahmten123
Bücher und Hefte, u.a. das "Augsburgische Bekenntnis".
Auf unsere Reklamation hin wurde am 1. Dezember alles wiedergebracht
bis auf zwei Hefte von Frör "Geist und Gestalt der
DC".
Auch der "Christus-Bote" wurde hin und wieder in
Landgemeinden beschlagnahmt.
Im Verlag erschienen 3 Titel.
1937 wurden beschlagnahmt: Am 20. Mai in Rabenstein 70 Kern
"Kirchenkampf, wie lange noch?", am 16. November bei uns
70 Dibelius "3 Randbemerkungen zu Rosenbergs Mythos",
am 27. November bei uns 78 Handtmann "Wir pilgern nach Wittenberg".
Im Verlag erschienen 2 Titel, darunter das reizende Bilderbuch "Frau
Gluckes Entenkinder".
Im April wurde den Gemeinden außerhalb von Chemnitz endlich
der Eindruck der Kirchennachrichten gestattet. Im September erschien
im Dresdner Blatt ein unmöglicher Artikel von Coch. Viele Gemeinden
bestellten es ab und kamen zu uns. Da erhob die Druckerei Baensch
Einspruch (es bestand wohl ein Vertrag mit dem Landeskirchenamt
über den Druck des Dresdner Blattes). Es kam zu Verhandlungen:
Im September 6 mal, am 23. Oktober in Berlin; im November 2 mal
Berlin , 2 mal Dresden und 1 mal Leipzig. Nach diesen Dutzend Reisen
kam es dann zu einem Vertrag. Baensch durfte den 8-seitigen Innenteil
für alle Gemeinden auf Rotation drucken. Die Auflage war 350.000
Exemplare; die äußeren 4 Seiten verteilten sich auf 22
Bezirksdrucker mit 25 großen Maschinen und 47 Hilfsdrucker
zum Eindruck der letzten Seite. Wir hatten über 500 Gemeinden
mit über 600 Ortsvertretern und etwa 8000 Helferinnen. Das
war eine herrliche Sache, freilich auch ein ungeheures Arbeitspensum.
Die Nachtarbeit war zur Regel geworden. Die Organisation klappte
gut und lief wie ein Uhrwerk.
Am 3. Juli wurde das alte Auto für 90 Mark verkauft.
Vom 19.6. bis 2.7. war Herr Müller zur ersten Kur in Berggiesshübel.
Das Jahr 1938 brachte dem Sortiment
das 25-jährige Geschäftsjubiläum, das am 1.
Oktober sehr schön gefeiert wurde. Das Aufräumen am Abend
vorher bestand darin, dass jeder alles, was auf seinem Schreibtisch
lag, in einen Karton versenkte, der in der Packstube abgestellt
wurde. Im Nu war Ordnung! Die mittleren Schreibtische wurden kaltes
Buffett, die Packstube zur Küche mit Radio. Früh hatten
wir als Erstes eine Andacht von Herrn Müller in seinem Zimmer,
wobei ihm als Geschenk der Belegschaft ein Album überreicht
wurde, das alle seine Mitarbeiter im Bilde enthielt und am Schluß
ein Verzeichnis aller bisherigen Mitarbeiter. Wir bekamen alle (außer
dem üblichen 13. Gehalt zu Weihnachten) noch ein 14.; und ich
hatte Prokura erhalten, die am 29. September, Frau Müllers
Geburtstag, im Handelsregister eingetragen worden war.
Trotz der gebotenen Kürze muß hier aber auch einmal ein
Wort davon gesagt werden, dass wirklich jeder Einzelne der Belegschaft
mitgearbeitet hat. Ohne diese fruchtbare Zusammenarbeit wäre
das große Werk nicht geschafft worden. Am Gelingen und am
Aufstieg sind wir alle beteiligt gewesen.
Aus unserem großen Kundenkreis erhielten wir Blumen und viele
Glückwünsche. Am Abend hatten wir ein geselliges Beisammensein.
Im Juli hatten wir zwei Wochen einen Büchertisch in Niederrödern
für den Berneuchner Dienst, besonders auch mit der Kirchenkunst
von Rudolf Koch und den sehr schönen Verlagswerken des Bärenreiter-Verlages.
Am 3. Dezember wurden alle Schriften von Karl Barth im Laden beschlagnahmt,
am 28.12. 9 Nachbar-Buchkalender abgeholt! Im Verlag erschienen
4 Titel, u.a. 3.000 Exemplare des "Lutherischen Gebetbuches"
Fürs Gemeindeblatt läuft am 1. Januar der Vertrag mit
Baensch, auf drei Jahre befristet, aus.
Im August hatte die Reichsschrifttumskammer wegen einer Anzeige,
die wegen eines Gemeindeblattartikels erfolgt war, ein Berufsgerichtsverfahren
angekündigt - deshalb noch eine Fahrt nach Berlin.
Im Juni war Herr Müller zur Kur in Bad Gastein.
1939: Am 17.1. hat die Gestapo
301 FührerBilder aus dem Nachbarbuchkalender "sichergestellt".
Der Woike-Kalender und der Kalender "Brot für den Tag"
wurden beschlagnahmt. Für den Kalendervertrieb werden ganz
neue Ausweise verlangt.
Die Schriftenbrett-Mission nimmt an Umfang sehr zu.
Im Verlag erschienen 6 Titel, u.a. die Festschriften zur Einführung
der Reformation in Chemnitz-Stadt und -Land anlässlich der
400-Jahrfeier zur Einführung der Reformation in Sachsen.
In den Ortsseiten des Gemeindeblattes wurden vielfach Auszüge
aus den Chroniken und Kirchenbüchern von damals gebracht. Diese
waren freilich sehr anders als die landläufige Meinung von
der "Einführung der Reformation".
Herr Müller war vom 15.2. bis 15.4. zur Kur bei Zimmermann,
im Sommer in Warmbad.
1940 läuft alle Arbeit gleichmäßig und in
gutem Gleise - das Ladengeschäft, der Sortimentsverband, die
Verlagsauslieferung, der Versand von Gemeindeblatt und Sonntagsfreude
- alles greift gut ineinander. Auch die Buch- und Kontoführung
ist auf dem laufenden. "Ecke ab" war doch sehr praktisch
Ist diese Methode heute noch? Und ist es auch noch die amerikanische
Buchführung?
Im Verlag erschienen 4 Titel, u.a. 9.000 "Butzimann".
Am 31. Dezember läuft der Vertrag mit Baensch ab; es bleibt
aber alles beim alten. Herr Müller ist vom 7.11. bis 20.11.
zur Kur bei Zimmermann.
Das Ereignis des Jahres 1941
war der 50. Geburtstag von Herrn Müller am 18. April. Wir hatten
eine Festschrift des Gemeindeblattes "Daß das Wort
des Herrn laufe..." erscheinen lassen. Ein besonders gut
gebundenes Exemplar überreichte einer der mitredigierenden
Pfarrer, Gottwald Winkler von der Kreuzgemeinde, der später
gefallen ist. Die Auflage wurde an die Pfarrer unserer Gemeinden
verschenkt und außerdem noch ein Nachdruck in einfacher Form
für die Helferinnen angefertigt.
Im Januar war allen Pfarrämtern der Vertrieb des Gemeindeblattes
verboten worden. Es musste alles auf private Verteiler umgestellt
werden. Wir mussten bis zum 28. Februar eine neue Kartei erstellen!
Und dann kam im Mai mit einem gedruckten Brief das VERBOT des Gemeindeblattes!!
Die Juni-Nummer war die letzte.
Auch die Sonntagsfreude wurde verboten - im Februar dann alle Schriftenmissionen.
Im Verlag erschienen 3 Titel. Herr Müller war vom 12.8. bis
27.8. und vom 24.10. bis 20.11. bei Zimmermann.
1942: Wir mussten das Auto abgeben (DKW-Meisterklasse).
Im Dezember kam ein Preisprüfungskommissar wegen der Leihbücherei
in Aue.
Im Verlag wird vom Bilderbuch "Butzimann" das Bild
mit dem Zigeunerwagen beanstandet. Es musste ein neues Bild mit
neuem Text geschaffen werden und nochmals in Offset gedruckt! Und
trotzdem erhielten wir keine weitere Papierzuteilung. Nach vielen
Fahrten in die Wirtschaftsstelle erhielten wir am Heiligen Abend
die Ablehnung.
Herr Müller war vom 3.1. bis 31.1. und vom 19.10. bis 14.12.
bei Zimmermann. Die notwendigen Tage waren 18.10., 27.10. und 17.11.
- die Familie wurde ins Krankenhaus gerufen.
1943: Im Sortiment wird das Zuteilungsverfahren
eingeführt, d.h. wir können nicht mehr bestellen, sondern
müssen nehmen, was die Verlage "zuteilen". Die Leihbücherei
wird erweitert, damit die christlichen Bücher, wenn schon nicht
mehr zu haben, wenigstens noch zu lesen sind.
Im Februar hören wir von der Schließungsaktion gegen
die Verlage. Im August können wir durch einen befreundeten
Verlag eine Auflage Bilderbücher in Auftrag geben, doch wurde
sie nicht mehr fertig.
Herr Müller war im Februar wieder zur Kur in Teplitz - Schönau.
Frau Müller war mit und kam krank zurück. Am Palmsonntag
- Hansis Konfirmation - saß sie im Sessel, legte sich danach,
war einige Wochen im Krankenhaus, kam zurück und starb am 2.
August nach sehr schwerem Leiden. Sie möge ruhen im Frieden
- und das ewige Licht leuchte ihr.
1944: Die Knappheit im Sortiment wird immer größer.
Wir helfen uns viel mit unseren Verlagswerken. Im Februar haben
wir mit zwei Schlitten Rohbogen vom Heyns-Lager zur Buchbinderei
Bauer gefahren, damit wir für's Konfirmationsgeschäft
den 3. Teil des 'Lesebuches' hatten. Es war eine schwierige
Fuhre! Im Sommer haben wir dann die restliche Auflage auch noch
hingefahren, immer wir selber. Es gab wegen des Krieges keine andere
Möglichkeit. Auch andere Restbestände kamen uns zu Hilfe,
dass wir immer etwas zum verkaufen hatten, so z.B. bei der sehr
großen Knappheit von Briefpapier noch ein größeres
Lager von 5-Stück-Mappen im 'Billettformat'! Bei all dem wenigen,
was zugeteilt wurde, hatten wir doch immer auch anzubieten und erlebten
das "Wunder von Sarepta" auf unsere Weise. Fürs Weihnachtsgeschäft
hatten wir den Rest Adventskalender; die Leute standen Schlange
und paar Mal mussten wir den Laden wegen Überfüllung schließen.
Die Bilderbücher des befreundeten Verlages kamen aber trotz
Zusagen nicht. Wir vertrösteten unsere Kunden - auch vergeblich.
Als eine Kundin wieder mal enttäuscht gehen mußte, sagte
sie zu einer andern: "Wenn sie nur nicht so lügen däden"
( !? ) Wir haben aber nicht gelogen. Übrigens, die Geschäftslüge
gab es bei uns nie, weder im mündlichen noch im schriftlichen
Verkehr.
Am 30.9. wurde der Verlag geschlossen - nach über 20 Jahren!
Es geschah im Rahmen einer Aktion, der auch andere Verlage zum Opfer
fielen. Es soll ein kurzes Resümee gegeben werden: Insgesamt,
einschließlich der Neuauflagen, erschienen 120 Titel.
Die kleineren Bilderbücher erschienen in 8 Titeln mit 121.000
Exemplaren, die Nachdrucke mit zusammen 189.000 Stück, ergibt
eine Gesamtauflage von etwa 310.000 Exemplaren. Von den anderen
Verlagswerken seien nur genannt: die großen Bilderbücher
mit zusammen ca. 24.600 Exemplaren, der "Sternenpate"
in 28.000 und die Schaefer-Hefte in 13.400 Exemplaren.
Die Alarme nahmen zu; wir mußten das Lager verteilen. Bestände,
die uns unentbehrlich erschienen, wurden 'verlagert'. Es war eine
große Arbeit, die Inhaltsverzeichnisse in doppelten Exemplaren
schreiben und jeweils in zehn Postgutpakete packen. Bei Freunden
im Gebirge waren sie gut aufgehoben und haben dann den schweren
Wiederanfang erleichtert. Aber die Lager an wohl vier oder fünf
Stellen in Chemnitz sind sämtlich mit ausgebrannt und alle
unsere Bücher mit - und das Geschäft blieb verschont.
Das hatte aber keiner geahnt.
1945 war das schwerste aller
Jahre. Täglich kamen Alarme. Immer trugen wir alle Schreibmaschinen
in den Keller, in zwei großen Körben, die von zweien
getragen werden mußten, die Buchführung für Verlag
und Sortiment. Was haben wir da geschleppt!
Am 11. Januar fuhr Herr Müller nach Wachau, kam aber vorzeitig
am 6. Februar wegen der zunehmenden Gefahr zurück. Noch am
Abend dieses Tages war der erste größere Angriff auf
Chemnitz, bei dem auch Bernsdorferstraße 66, wo meine Mutter
und ich wohnten, mit getroffen war durch Luftmine. Am 13. Februar
(Fastnacht) stand Dresden in Flammen. Am 14. Februar mittags Angriff
auf Chemnitz, ging gnädig vorüber. Nachts war wieder Angriff,
Eltwerk und Eberlein brannten und in der Jakobikirche waren alle
Fenster kaputt. Am 15. Februar - ein Donnerstag (damals waren an
jedem Donnerstag Vormittag alle Läden geschlossen) - hat die
ganze Belegschaft in der Jakobikirche Glas geschippt.
In den folgenden Tagen wurden die Angriffe immer stärker; am
1. März brachte ich meine gute Mutter ins Gebirge; es war ein
Donnerstag und Herr Müller fuhr uns früh 1/2 5 Uhr die
Koffer mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Am Samstag, 3. März war
ich wieder unten,, auch noch einmal in der Bernsdorferstraße,
wo die Koffer und Pakete zum Abholen standen - und am 5. März
restlos verbrannten.
Der 5. März ist der traurigste Tag, an dem durch den
Großangriff die ganze Stadt in Flammen stand. Wer es nicht
mit erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen. Dieser Bericht wäre
ein Buch für sich. Auch Herrn Müllers Wohnung brannte
völlig aus. Im Laden waren schon vorher die Fensterscheiben
zerschlagen und die Schaufenster zugenagelt. Eine geordnete Arbeit
war nicht mehr möglich. Nur das Nötigste konnte getan
werden. Die Hauptsorge war der Lebensunterhalt. Herr Müller
hatte es erreicht, daß Schubert für uns das Mittagessen
mit besorgte. Das war eine große Hilfe. Ab und zu konnte er
auch Mehl auftreiben, das zu einer Frühstückssuppe für
alle verwendet wurde. Was es auf die Marken gab, war ja nicht viel.
Am 8. Mai war dann der Krieg zuende.
"Wie ER mich durchbringt, weiß ich
nicht,
doch dieses weiß ich wohl,
daß ER, wie's sein Wort verspricht,
mich durchbringt - wundervoll."
Am 8. August feierten wir sehr schlicht, aber von Herzen froh das
25-jährige Chef-Jubiläum von Herrn Müller - ohne
Geschenk - mit Kartoffelsalat, damals ein Ereignis.
Ich hatte ihm für diesen Tag einen Bericht über die vergangenen
Jahre in Form einer Statistik geschrieben; und der Durchschlag davon
ist jetzt meine Unterlage! Alle Zahlen habe ich von dort und sind
verbindlich. Nur die Histörchen sind aus dem (Sieb-)Gedächtnis.
Nach wochenlangem, täglichen Reinemachen haben wir dann mit
viel Mühe und Geduld ganz von unten wieder angefangen. Einige
Bücherpakete kamen zurück, womit wir gute Kunden bedienen
konnten. Darüber hinaus bemühten wir uns in Ermangelung
von Büchern um die Herstellung von Sprüchen in Holzrahmen
ohne Glas. Die Pfarrämter gingen auf unser Angebot für
Konfirmation und Trauungen ein. Auch Spruchkarten ließen wir
schreiben. Und jene, denen wir die Arbeit geben konnten, waren sehr
froh darüber. Eine andere Aktion war das Neueinbinden von Gesangbüchern.
Die Decken bezogen wir fertig. Durch die Kriegsjahre war da viel
fällig. Dem Büchermangel begegneten wir mit Büchertausch.
Wir kauften antiquarische Bücher, auch ganze Bibliotheken.
Manche konnten auch ein mitgebrachtes Buch in ein anderes umtauschen.
Es war alles ohne Vorbild und einmalig aus der Not der Zeit heraus
erdacht. So schafften wir den nötigen Umsatz, um alle Verpflichtungen
erfüllen zu können.
Die ersten Monate von 1946 waren
auch noch sehr mit Sorgen beladen. Der schwerste Tag war der 10.
Juni, der 2. Pfingstfeiertag. Die Losung für jenen Tag war
Neh. 8, 10 "Bekümmert euch nicht; denn die Freude am Herrn
ist eure Stärke". Das haben wir dann in den folgenden
Monaten auch erfahren.
Im April hatte Herr Müller Thrombose und war auch an seinem
Geburtstag krank. Ende Juni verabschiedete er sich und war zur Kur
in Bad Lausick. Gleichzeitig liefen die Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt
wegen Übernahme des "Sonntag", weshalb ich
einige Male in Dresden war. Vom 9. September an war Herr Müller
wieder ganz im Geschäft.
Vom 1. Oktober an haben wir dann die Auslieferung des "Sonntag"
übernommen.
Am 16. September begann Herr Müller jr. mit seiner Tätigkeit
im Geschäft.
Am 3. mai 1947 habe ich gekündigt. Meine Nachfolgerfrage
war schwer zu lösen, zudem auch mein Neuanfang noch nicht entschieden
war. Deshalb blieb ich noch, auch wegen des Weihnachtsgeschäftes.
Mein Abgang war auf den 31. März
1948 festgesetzt worden. Auf diesen Tag heiratete Herr Müller
jr. Danach verreiste Herr Müller sen. Ich ging dann am 31.
Mai in Urlaub, habe im Juni die Geldabwertung buchhalterisch bearbeitet
und schied nach fast 24-jähriger Tätigkeit aus der Evabu
- mit Tränen - aus.
Nach 15 Jahren muss ich zurückschauend bekennen: "Wunderanfang,
herrlich Ende, wo die wunderweisen Hände Gottes führen
ein und aus."
Und für die Zukunft kann ich auch heute nur dasselbe wie früher
beten - mit Ihnen und für Sie:
"Lass unser Werk geraten wohl
was ein Jeder ausrichten soll.
Dass unsre Arbeit, Müh und Fleiß
Gereich zu DEINEM Lob, Ehr und Preis."
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